Klima-Pressekonferenz des Deutschen Wetterdienstes (DWD) am 25. März 2014 in Berlin
Starkniederschläge und Dürren weltweit - Katastrophenschutz profitiert
von neuen täglichen Niederschlagsdaten des Deutschen Wetterdienstes
- es gilt das gesprochene Wort –
Rede von Dr. Paul Becker
Vizepräsident des Deutschen Wetterdienstes
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Meine sehr verehrten Damen und Herren,
in den vergangenen Jahren haben wir Ihnen hier vor allem vorgestellt, welchen Einfluss der
Klimawandel auf unterschiedliche Bereiche unserer Gesellschaft hat. Da ging es zum Beispiel um die Landwirtschaft, die Bauwirtschaft oder mögliche Risiken für die menschliche
Gesundheit, wo natürlich nicht nur die Änderungen der Temperatur, sondern auch die des
Niederschlages und die des Windes von Bedeutung sind. Heute möchte ich mich eingehender mit dem Niederschlag beschäftigen. Dieser ist entscheidend für den Wasserkreislauf mit
seiner großen Bedeutung für viele Lebensbereiche. Denn: zu wenig Wasser ist ein Problem;
zu viel aber auch! Tendenziell längere Trockenphasen und häufigere Starkregen werden
auch in unserer bisher von einem gemäßigten Klima geprägten Region den Druck zur Anpassung an den Klimawandel erhöhen.
Extreme Niederschläge haben häufig verheerende Folgen. Ein besonders spektakuläres
Ereignis im vergangenen Jahr in Deutschland war das Frühjahrshochwasser im Juni - ausgelöst durch ungewöhnlich lang anhaltende und starke Niederschläge. Es entstanden Schäden
in Höhe von rund 11 Milliarden Euro. 25 Menschen starben. Ein anderes Beispiel war der
Taifun Haiyan (Yolanda) am 8. und 9. November 2013. Weltweit betrachtet war dieser Taifun
das folgenträchtigste Ereignis mit über 6 000 Todesopfern auf den Philippinen. Haiyan
brachte Tagesniederschläge von teilweise über 200 Litern pro Quadratmeter (l/m2) und die
bisher stärksten gemessenen Windgeschwindigkeiten zum Zeitpunkt des Landgangs.
Politik, Gesellschaft und Klimaforschung müssen sich deshalb mit diesem Aspekt der Klimaveränderung auseinandersetzen. Grundlage aller notwendigen Entscheidungen und Maßnahmen sind dabei neben Klimaszenarien insbesondere auch Beobachtungen. Erst die auf
so breiter Basis gewonnen Klimatrends sind wirklich belastbar. Solche weltweiten Informationen zum beobachteten Niederschlag liefert der Deutsche Wetterdienst (DWD). Wir betreiben im Auftrag der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) seit nunmehr 25 Jahren das
Weltzentrum für Niederschlagsklimatologie (WZN), das global Niederschlagsmessungen seit
Beginn der Messungen von insgesamt über 90 000 Messstationen erfasst. Darüber hinaus
wertet der DWD die Niederschlagsbeobachtungen von Wettersatelliten seit Anfang 1988
aus. Damit liegen auch Daten für die Ozeane vor, wo es nur vereinzelt Bodenbeobachtungen
durch Schiffsmeldungen gibt. Der DWD kombiniert nun diese Daten und ist damit in der Lage
den globalen Niederschlag komplett über einen 20-jährigen Zeitraum zu erfassen.
Klimarekorde: Wärmste dreißigjährige Periode seit 1 400 Jahren
Bevor ich genauer auf den Niederschlag eingehe, erlauben Sie mir einen kurzen Blick auf
das Kohlendioxid (CO2) und die Temperatur. Auch das Jahr 2013 bietet wahrlich keinen An-
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lass zum Jubeln. Wir mussten erneut einen Rekord beim Treibhausgas Kohlendioxid registrieren: Erstmals wurde die auch psychologisch wichtige Marke von 400 ppm (parts per million) durchbrochen. Auch wenn 2013 - bezogen auf die Temperatur - nur in Australien einen
Rekord brachte, lag das vergangene Jahr mit einer globalen Abweichung der Mitteltemperatur von etwa 0,5 Grad erneut deutlich über dem langjährigen Durchschnitt von etwa 14 °C.
2013 gehörte damit zu den zehn wärmsten Jahren seit Beginn der modernen Wetteraufzeichnungen, also seit etwa 1850. Und noch ein negativer Superlativ: In der Nordhemisphäre
war der Zeitraum 1983-2012 wahrscheinlich1 die wärmste 30-Jahre-Periode der vergangenen 1 400 Jahre.
Trendaussagen beim Niederschlag sind deutlich schwieriger zu treffen als bei der Temperatur. Das liegt zum einen an der hohen natürlichen Variabilität dieser Größe. Zum anderen
weist das globale Messnetz bislang noch große Lücken auf. Dies betrifft sowohl die Länge
der Zeitreihen als auch die räumliche Skala.
Feuchte Regionen werden noch feuchter, trockene noch trockener
Schaut man sich die weltweite Entwicklung des Niederschlags in den vergangenen hundert
Jahren an, so ergeben sich regional erhebliche Unterschiede und nur für wenige Regionen
stabile Trends. Positive Trends finden wir für das zentrale und östliche Nordamerika mit einem leichten Plus der mittleren Jahresniederschläge um 5 Prozent seit 1900. Zurückgehende Niederschlagsmengen ergeben sich z.B. für Nordchina. In Europa sehen wir eine markante Nord-Süd-Verteilung mit einer Zunahme der mittleren Niederschläge in Nord- und Mitteleuropa um 20 Prozent und einer Abnahme im Mittelmeerraum. Für Deutschland zeigen unsere Analysen im Jahresmittel eine Zunahme um etwa 10 Prozent seit 1881. Weitere Details
zu Deutschland finden Sie in den Zahlen und Fakten in der Pressemappe.
Die Klimaforschung geht davon aus, dass sich diese Trends bis zum Jahr 2100 weitgehend
so fortsetzen dürften. Wir müssen also mit einer Verstärkung der weltweiten Niederschlagsmuster rechnen. Für Regionen, die bereits heute unter Wassermangel leiden, wie der Mittelmeerraum oder Nordchina, ist demnach auch künftig keine Entspannung zu erwarten.
Ebenso ist zu befürchten, dass schon jetzt feuchte Regionen noch feuchter werden. In einigen Regionen könnten sich die Niederschlagsverhältnisse durch eine Verschiebung der globalen Zirkulation aber auch grundlegend ändern.
Pünktlich zum 25. Geburtstag des WZN in diesem Jahr liegt uns nun ein neuer globaler Datensatz vor, der Satellitenbeobachtungen über dem Meer und Stationsdaten über Land zu1
Gemäß Definition des IPCC (likely, entspricht einer Wahrscheinlichkeit von 66%-100%)
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sammenführt. Mit diesen neuen täglichen Niederschlagsmengen können wir nun präzise
Anfang und Ende von Extremereignissen wie länger andauerndem Starkregen oder Dürreperioden bestimmen, ihre Häufigkeiten auszählen und Trends für jede Saison wie den Frühling,
die Regenzeit oder auch verschiedene Wachstumsperioden erfassen. Mit den bisher vorliegenden monatlichen Niederschlagsmitteln war das nicht möglich. Zugleich helfen diese
neuen Daten die Qualität der Niederschlagssimulation unserer Klimamodelle sowie der Dürreüberwachung und Vorhersage von Dürren besser zu überprüfen.
Ein markantes Beispiel für die angesprochenen Extremereignisse mit großem Gefahrenpotential sind die Hurrikane in der Karibik und über dem Süden der USA. Deren Ausläufer reichen in einigen Fällen sogar bis nach Europa und sorgen auch bei uns für ungewöhnlich
starke Niederschläge. Hurrikane haben ein sehr großes Schadenspotential: zum einen durch
die extremen Windgeschwindigkeiten und zum anderen durch die mit ihnen verbundenen
Starkniederschläge, die zu extremem Hochwasser führen können. Die Analyse des Niederschlagspotentials von Hurrikanen - vor allem sobald diese Sturmsysteme auf Land treffen ist deshalb von entscheidender Bedeutung für den vorbeugenden Katastrophenschutz in den
betroffenen Regionen.
Mit unserem neuen Niederschlagsdatensatz konnten wir nun z.B. die Niederschläge im Umfeld des Hurrikans Katrina detailliert analysieren, der 2005 für enorme Schäden im Südosten
der USA verantwortlich war. Beim Auftreffen von Katrina auf das Festland betrugen die küstennahen Regenmengen teilweise über 200 l/m2 pro Tag. Zum Vergleich: In Berlin fallen im
Mittel etwa 580 l/m2 im ganzen Jahr. Über dem Ozean, wo Hurrikane am intensivsten sind,
waren die Niederschläge mit zum Teil über 400 l/m2 noch deutlich höher. Seitdem stellt sich
die Frage, ob Hurrikane zukünftig häufiger auftreten und mit noch intensiveren Niederschlägen verbunden sein könnten.
Wärmeres Meer sorgt bei Hurrikanen für intensivere Niederschlagsextreme
Dank unseres neuen Datensatzes können wir die soeben aufgeworfenen Fragen jetzt gezielt
untersuchen und damit Zusammenhänge belegen, die bisher nur vermutet wurden. So zeigt
sich bei der Analyse der maximalen Niederschlagsintensität der Hurrikane seit 1988 ein klarer Zusammenhang zur Meeresoberflächentemperatur im tropischen Atlantik - der Region, in
der tropische Zyklone entstehen. Je höher die Meeresoberflächentemperatur ist, desto größer ist prinzipiell die maximale Niederschlagsintensität der Hurrikane, also ihr Potential für
Extremniederschläge. Die vorliegenden Daten der Meeresoberflächentemperatur in der Untersuchungsregion seit 1988 zeigen zudem einen Trend zu höheren Wassertemperaturen in
der Hurrikansaison. Passend dazu konnten wir eine tendenzielle Intensivierung der mit Hur-
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rikanen verbundenen Niederschlagsextreme feststellen. Da die Klimaszenarien davon ausgehen, dass die Meerestemperatur der Region weiter steigen wird, müssen die Anrainer
künftig auch mit noch stärkeren Niederschlägen im Umfeld von Hurrikanen rechnen. Für die
betroffenen Menschen und Regionen ist das eine sehr wichtige Erkenntnis, welche die Notwendigkeit von Anpassungsmaßnahmen verdeutlicht. So können z.B. Frühwarnsysteme
durchaus auch bei Naturkatastrophen von solcher Größenordnung helfen Menschenleben zu
schützen.
Meine Damen und Herren, wir haben noch viel Forschungsbedarf, aber unser Wissen über
Wetter- und Klimaextreme wächst von Jahr zu Jahr. Die Analyse der Hurrikane war ein erster Schritt. Wir werden künftig die Veränderung von Niederschlagsextremen und Dürren auch
in anderen Regionen untersuchen. Der neue Datensatz, den wir Ihnen heute vorgestellt haben, erlaubt uns dabei eine detailliertere Betrachtung des globalen Niederschlagsverhaltens
und ermöglicht somit neue Forschungsresultate. Ich bin aber überzeugt, dass auch die bereits vorhandenen Erkenntnisse schon ausreichen, um weltweit mehr Engagement bei der
Klimaanpassung und dem Klimaschutz zu fordern und zu begründen. Wir haben keine Zeit
mehr zu warten.
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Rede von Dr. Paul Becker